
Es war sehr gut

Bei „Visionen“ fällt meist zunächst das berühmte Zitat von Helmut Schmidt ein oder eine lichte Erscheinung, wie sie von vielen Heiligen berichtet wird. Deswegen trifft es der englische Begriff „Visionquest“ eigentlich besser. Der Quester stellt sich einer großen Aufgabe oder Anstrengung, die er erfüllt, innerlich reift und gereinigt wird. Die christlich adaptierte Form der Visionssuche stellt den Suchenden als Mitgeschöpf in das Zentrum der Schöpfung, in dem er im Spiegel der Natur sich selbst und Gott begegnet. Dafür braucht es wie beim Helden der Artusepik Mut und Tapferkeit.
Der amerikanische Psychologe und Wildnisforscher Robert Greenway sagte: „Die zivilisatorische Schicht, die uns von der Wildnis trennt, ist nicht dicker als drei Tage.“ Deswegen gehen die Männer fastend drei Tage und drei Nächte an ihren Platz, den sie zuvor in der Natur gefunden aben, und bleiben dort. Ohne Ablenkung werden sie ganz auf sich zurückgeworfen und erhalten im Spiegel der Natur und im Angesicht Gottes einen neuen Blick auf sich selbst und die Dinge, der ihr Denken und Handeln von nun an mitprägt.
Auch aus den Evangelien kennen wir die Beschreibung, dass der Hoffnung stiftende Wandlungsprozess 3 Tage und 3 Nächte braucht, ehe der neue Mensch aus dem Grab ersteht. Und Jesus zieht sich 40 Tage fastend zurück, ehe er mit seinem öffentlichen Auftreten beginnt. In 3x2 Impulsen hatten wir die Männer in den Tagen der Vorbereitung mit dem sechsmaligen „Gut“, dass Gott in die Schöpfung hineinspricht, inspiriert und stellten nach der Schwellenzeit am 6. Tag miteinander fest, dass alles sehr gut gewesen war.
Das Auswildern und die Entschleunigung haben mir noch einmal sehr deutlich gemacht, dass ein guter Reifungsprozess 3 Tage braucht. In der Regel denken wir zu schnell, sprechen zu schnell und handeln zu schnell. 3 Tage können das bloße Reagieren vom konstruktiven Agieren unterscheiden. Und manchmal braucht es nur die berühmten drei Atemzüge oder das bis drei Zählen, um aus einer verletzenden Reaktion eine konstruktive Frage zu machen. Das kann ganz konkret schon unsere nächste Mailreaktion oder das leicht dahergesagte Wort über den anderen betreffen. Die Ruhe hat die Kraft einen neuen Blick zu gewinnen und miteinander zu schauen, wie es in der jeweiligen Situation gemeinsam weitergehen kann.
Dafür muss man nicht gleich auf Visionssuche gehen, aber der Blick in den Spiegel der Natur und das Angesicht Gottes, kann helfen besser zu verstehen, dass letztendlich alles mit allem zu tun hat und für uns noch immer die Zusage aus der Genesis gilt: Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.
Wolf-Dieter Wöffler, Pastoralreferent
